Rheinisches Revier

Sonderthema

 Das Rheinische Revier steht für eine große Vision: Hier sollen das Energiesystem der Zukunft und die klimaneutrale Industrie früher als anderswo in Deutschland Wirklichkeit werden. Damit wird das Rheinische Revier zu einem Vorreiter und Vorbild – und zu einem Mut machenden Beispiel für andere Kohleregionen.

Die Zukunft aktiv gestalten

Zwei Drittel aller Kohlekraftwerke in der Region sollen bis zum Jahr 2030 abgeschaltet und nur noch eines von drei Tagebaugebieten aktiv sein. Damit verbleibt auch Kohle im Boden, die eigentlich schon zum Abbau genehmigt war. Der Ausstieg alleine macht aber nicht die Vorbildfunktion aus. Vorbildlich ist vielmehr das Ziel, die Voraussetzungen für eine klimafreundliche, gute Zukunft im Kohlerevier zu schaffen und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit und Dynamik der Wirtschaft zu bewahren.

„Nirgendwo ist es zurzeit spannender als im Rheinischen Revier.“ 

Mit sichtlicher Begeisterung spricht Minister Pinkwart diesen Satz, denn es liegt Aufbruchstimmung in der Luft: Das Rheinische Revier ist auf dem Weg zu einer Vorreiter-Region für Klimaschutz und für das Energiesystem der Zukunft – und alle ziehen mit.

Das Konzept: Klimaschutz mit Wohlstand und guter Arbeit verbinden. Und diesbezüglich kann sich das Rheinische Revier auf seine Unternehmen und Industrie, auf seine Forschungseinrichtungen, Universitäten und Hochschulen, auf seine Kommunen und Bürgerinnen und Bürger verlassen: Sie alle ziehen mit und werden zum Teil der Lösung. Denn die Akteure vor Ort sind nicht nur Expertinnen und Experten für die Region, sondern auch leidenschaftliche Gestalterinnen und Gestalter ihrer Zukunft. Mit dieser Expertise sind sie explizit eingeladen, sich an den Debatten rund um das Rheinische Revier auf einer eigenen Website zu beteiligen und sich einzubringen. Ein Beispiel ist das Wirtschafts- und Strukturprogramm. Denn letztendlich sind es genau diese Akteure vor Ort, die mit wertvollen Ideen kommen, aus den Ideen gemeinsam Anwendungen entwickeln und aus Anwendungen Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Lebensqualität generieren.

Durch Forschung und Entwicklung vorangehen

Klimaschutz und klimaneutrale Technologien werden die Basis für das neue Rheinische Revier sein. Und in der Tat ist die Forschungsqualität zu diesen Themen in der Region schon heute im internationalen Vergleich herausragend – insbesondere im Bereich Energie- und Klimaforschung. Hier wird an der gesamten thematischen Breite der Energiewende gearbeitet und geforscht. Ausgangspunkt ist die nachhaltige und wirtschaftliche Versorgung mit erneuerbarer Energie in allen Sektoren Strom, Wärme, Mobilität und Industrie. Dafür werden Lösungen für Energieerzeugung, -nutzung und -speicherung erforscht, intelligente Netze und digitale Infrastrukturen geschaffen, Sektorenkopplung, Digitalisierung und Flexibilisierung adressiert, Mobilität und urbane Energielösungen fokussiert und energieeffiziente sowie klimaneutrale Prozesse in der Industrie entwickelt, erprobt und umgesetzt. Kurz: Im Rheinischen Revier wird die Zukunft sichtbar und erlebbar. Der Schritt von der Forschung in die Anwendung soll hier stattfinden. Schon heute – und noch viel deutlicher in den kommenden Jahren. Die Region hat damit das Potenzial, zu einem überregionalen Magneten für Unternehmen, Forschungsinstitutionen und Menschen zu werden. Eben zu einer Mut machenden Vorreiter-Region.

Wirtschafts- und Strukturprogramm

Transformation gelingt nur mit einer klaren Strategie. Und eine Strategie führt nur dann zum Erfolg, wenn sie von allen Beteiligten mitgetragen wird. Die Strategie des Rheinischen Reviers gründet sich deshalb auf eine breite Beteiligung: Nicht nur Fachleute aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft haben daran mitgearbeitet, sondern zum Beispiel auch Kommunen, Umweltverbände, Industrie- und Handelskammern, Gewerkschaften, Verkehrsverbünde und Bürgerinnen und Bürger. Entstanden ist das Wirtschafts- und Strukturprogramm, das in seiner finalen Fassung im Juni 2021 präsentiert wurde

zum Programm

Das Energiesystem der Zukunft wird real

© Julius Taminiau Architects B.V.
Brainergy Park: Im "StartUp Village" können sich die Mitglieder der Community (Gründer, Gründungswillige, Start-ups) ihre Arbeitsumgebung aneignen und je nach Projektphase nutzen.

Auf dem Weg zur Vorreiter-Region sollen vor allem die schon vorhandenen Stärken genutzt und ausgebaut werden: von der Grundlagenforschung über die angewandte Forschung bis hin zum Transfer in marktfähige Produkte. Dafür braucht es Kreativität und Ambitionen. Beides spiegelt sich bereits in den heutigen Forschungsprojekten im Rheinischen Revier wider, von denen hier exemplarisch sechs genannt seien.

Zu nachhaltigen Energieträgern forscht das Institut für Future Fuels am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Im Bereich der Digitalisierung werden Informations- und Kommunikationstechnologien mit den Domänen Energie und Physik kombiniert. So werden zum Beispiel im Projekt QUIRINUS Control Daten in Echtzeit erfasst, analysiert und interpretiert. Am Fraunhofer-Zentrum Digitale Energie arbeiten Forscherinnen und Forscher unter anderem an einer intelligenten Koordinierung der Stromnetze und im Rahmen des Projekts Energielandschaft AnnA wird ein nachhaltiges Energiekonzept für Gebäude mit unterschiedlichen Lastprofilen und bauphysikalischen Standards entwickelt. Und auch der Brainergy Park und der Energiepark Herzogenrath zeigen, wie aus nachhaltigen Ideen eine Wirklichkeit mit überregionaler Strahlkraft wird.

Die Vorreiter- und Demonstrationsregion Rheinisches Revier wird schon bald Erfahrungswerte, Handlungsempfehlungen und auch Hinweise auf mögliche Hindernisse liefern. So wird die Region zu einem Impulsgeber – und die bisher von der Braunkohle geprägte Energiewirtschaft zu einem Energiesystem der Zukunft.

REVIER.GESTALTEN – kluge und visionäre Projekte gesucht!

Die Fördermittel für den Strukturwandel im Rheinischen Revier stehen seit April 2021 über den Projektaufruf REVIER.GESTALTEN zur Verfügung. Seine Grundidee: die Stärken der Region nutzen und darauf aufbauend neue, zukunftsorientierte Prozesse und Strukturen entwickeln und voranbringen. 

 Dafür wurden vier Zukunftsfelder definiert:

  • Energie und Industrie
  • Ressourcen und Agrobusiness
  • Innovation und Bildung
  • Raum und Infrastruktur

Jedes dieser Zukunftsfelder war alleine in den ersten beiden Monaten des Projektaufrufs mit Fördermitteln von jeweils 100 Millionen Euro ausgestattet. Insgesamt stehen rund 15 Milliarden Euro für die Neugestaltung des Rheinischen Reviers zur Verfügung.

Bei der Auswahl der Projekte, die im Rahmen von REVIER.GESTALTEN gefördert werden sollen, haben die regionalen Akteure so viel Gestaltungsspielraum wie nie zuvor. Sie sind durch den Aufsichtsrat der Zukunftsagentur Rheinisches Revier organisiert und empfehlen – nach der Bewertung durch Fachausschüsse – passende Vorhaben in einem „Sterne-Verfahren“ für die Förderung durch Land oder Bund. Die mit drei Sternen ausgezeichneten Vorhaben können so mit dem Rückenwind des Reviers einen Förderantrag bei den zuständigen Stellen einreichen.

Details zum Projektaufruf REVIER.GESTALTEN sind auf der Webseite der Zukunftsagentur Rheinisches Revier zu finden.

Vorreiter angewandter Expertise

Eine Gelegenheit, die es nie zuvor gab
Brainergy Park Jülich

Jülich ist ein europaweiter Ausnahmezustand. Nirgendwo sonst ist die Zahl der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Verhältnis zu der Einwohnerzahl so groß wie hier. Fakt ist aber auch: Trotz der starken Forschung haben wir aktuell noch viel zu wenig Wertschöpfung vor Ort. Mit dem Brainergy Park Jülich haben wir nun eine Gelegenheit, die es vorher noch nie gab. Wir bauen einen Gewerbepark auf, über den die Exzellenz der lokalen Forschungseinrichtungen in Wertschöpfung vor Ort mündet – und der außerdem von Anfang an unter den Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit geplant wird.

Gründer-Spirit im Rheinischen Revier

Dafür brauchen wir Unternehmen, die wirklich hinter dem Gedanken des Brainergy Parks stehen. Das heißt Unternehmen, die mit der Forschung kooperieren wollen und ambitionierte Technologien angehen. Innovation wollen wir vor allem über junge Menschen in den Brainergy Park bringen: Doktorandinnen und Doktoranden, die neue Ideen entwickeln und diese als Gründerinnen und Gründer umsetzen. Vor allem das neue Gründerzentrum soll dafür Raum und Gelegenheit bieten. Da das Gründerzentrum allerdings erst in fünf bis sechs Jahren fertiggestellt sein wird, planen wir für die Übergangszeit ein "StartUp Village", das mit etwas Glück schon im nächsten Jahr stehen wird. 

Aus Holzmodulen entsteht mitten im Park ein Dorf, in dem Studierende und Doktorandinnen und Doktoranden an ihren Gründungsideen feilen und sich gegenseitig inspirieren können – nicht nur am Schreibtisch, sondern zum Beispiel auch beim gemeinsamen Grillabend. Das "StartUp Village" soll damit zum Grundstein für einen einzigartigen Spirit und eine Gründerkultur werden, die mit dem Spirit in Berlin, München oder Leipzig vergleichbar ist, aber einen ganz eigenen und besonderen Charakter hat. 

Wenn Start-ups in ihrer Entwicklung weiter voranschreiten und in die Produktion einsteigen, kommt die Größe des Brainergy Parks zum Tragen. Denn neben den bisher schon geplanten 52 Hektar gibt es eine Reserve von weiteren 50 Hektar im Hinterland. Der Brainergy Park bietet damit den Raum, dass junge Unternehmen auch nach der Gründungsphase vor Ort bleiben können. Hinzu kommt die Möglichkeit, technologische Neuentwicklungen in das Energiesystem des Brainergy Parks zu implementieren und vor Ort zu testen. Denn der Park versteht sich auch als lebendiges Reallabor für Innovationen.

Wertschöpfung und Arbeitsplätze vor Ort

Mit dem Flächenangebot und dem Ansatz des Reallabors haben wir im Brainergy Park nicht nur zwei wertvolle Alleinstellungsmerkmale, sondern wir halten auch die Wertschöpfung bei uns vor Ort. So entstehen mit der Zeit nachhaltige Arbeitsplätze auf allen Ausbildungsniveaus. Und genau das ist unsere Vision: ein Zyklus aus Kooperation, Gründungen, lokaler Wertschöpfung und Arbeitsplätzen, der sich in einer gewissen Weise selbst befruchtet. Dafür steht der Brainergy Park.

© Brainergy Park Jülich

Professor Dr. Bernhard Hoffschmidt ist Geschäftsführer der Brainergy Park Jülich GmbH und widmet sich dort dem Technologietransfer aus lokalen Forschungseinrichtungen in Unternehmen aus der Region. Zudem ist er zusammen mit Professor Dr. Robert Pitz-Paal Institutsleiter des Instituts für Solarforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Gebündelte Kompetenz
Fraunhofer-Zentrum Digitale Energie

© Institut für Elektrische Anlagen und Netze, Digitalisierung und Energiewirtschaft (IAEW) der RWTH Aachen
Professor Dr. Andreas Ulbig arbeitet in leitender Funktion am Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT und am Fraunhofer-Zentrum Digitale Energie. Er leitet außerdem den Lehrstuhl für Aktive Energieverteilnetze am Institut für Elektrische Anlagen und Netze, Digitalisierung und Energiewirtschaft der RWTH Aachen (IAEW).

Die Zukunft unserer Energie ist digital. Denn die Energieversorgung wird viel heterogener sein, als sie es heute ist: Jeder von uns kann gleichzeitig Energieverbraucher, -produzent und -speicher sein.

Mit Informatik Intelligenz und Märkte erschließen

Damit das Stromnetz nicht zu einem Flaschenhals für die Energiewende wird, braucht das Netz eine zusätzliche digitale Ebene, die die Koordinierung übernimmt. Mit der Elektromobilität lässt sich das schön verdeutlichen: Ohne Koordinierung würden ein paar Millionen Arbeitnehmer, die alle gegen 19 Uhr von der Arbeit nach Hause kommen, gleichzeitig damit beginnen, ihr Auto zu laden – und damit das Netz zweifellos überlasten. Mit Koordinierung würden die Elektrofahrzeuge stattdessen verteilt über die Nacht aufgeladen und jeder könnte am nächsten Morgen entspannt und mit vollem Akku starten. So eine digitale Koordinierung kann nur über IT-Komponenten erfolgen. Am Fraunhofer-Zentrum Digitale Energie im Rheinischen Revier arbeiten wir deshalb daran, dem Stromnetz, das bisher rein aus Kupferkabeln und Transformatoren bestand (sogenannten passiven Netzkomponenten), eine zusätzliche „Informatik-Schicht“ zu verleihen und es damit zu einem aktiv betriebenen „Smart Grid“ weiterzuentwickeln.

Der nächste Punkt ist, dass unterschiedliche Systeme auch miteinander kommunizieren und sich gegenseitig verstehen müssen – nicht nur in Deutschland, sondern international. Wir brauchen also ein internationales Datenverständnis, bisher getrennte Datenräume müssen zusammenwachsen. Das gelingt über gemeinsame Standards, die wir am Fraunhofer-Zentrum mitentwickeln. Ein wunderbares Beispiel ist das World Wide Web. Es basiert auf drei kleinen Datenstandards: der Darstellung von Webseiten (HTML), ihrem Transport (HTTP) und ihrer Lokalisierung (URL). Und schauen Sie sich das Universum und die Unternehmen an, die daraus entstanden sind! Standards eröffnen also auch immer neue Märkte – und damit Wachstumschancen.

© Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT
Professor Dr. Stefan Decker ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik FIT und baut aus dieser Position heraus gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft das Fraunhofer-Zentrum Digitale Energie auf. Zusätzlich hat er den Lehrstuhl für Datenbanken und Informationssysteme an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen inne.

Mit der zunehmenden Digitalisierung wird auch die IT-Sicherheit zu einem immer wichtigeren Thema. Sie besteht aus drei Säulen: der Detektion, der Reaktion und der Prävention von Cyber-Angriffen. Alle drei Säulen müssen gleich stark aufgestellt sein – und insbesondere hier kommt es auf die kombinierte Expertise aus Informatik und Energietechnik an.

Mit Kooperation und Ausbildung einen Mehrwert schaffen

Mit dem Fraunhofer-Zentrum Digitale Energie führen wir die Themen „Smart Grid“ , Datenstandards und IT-Sicherheit an einem Standort zusammen. Dafür bündelt das Zentrum Kompetenzen: Expertinnen und Experten für Energie, Elektrotechnik und Informatik arbeiten bei uns eng zusammen. So schaffen wir auch den Mehrwert, den jede Domäne für sich alleine so nicht erreichen könnte.

Darüber hinaus sehen wir auch die zielgerichtete Ausbildung als unsere Aufgabe an. Denn letztendlich geht es für die Region nicht nur um Technologien, sondern auch um gut ausgebildete Fachkräfte. So haben wir die Möglichkeit, anwendungsorientiertes Know-how aus dem Fraunhofer-Zentrum Digitale Energie in die lokalen Unternehmen zu transferieren – von jungen Start-ups zu etablierten KMUs bis international erfolgreichen Konzernen. Und so steigern wir auch insgesamt die Wettbewerbsfähigkeit des Rheinischen Reviers.

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